Der Gebäudekomplex der von 1953 bis 1968 existenten Hochschule für Gestaltung auf dem Oberen Kuhberg in Ulm zählt zu den bedeutendsten baulichen Manifestationen in der jungen Bundesrepublik und ist ein exponiertes Beispiel für „Konkrete Architektur“. Entworfen von dem Schweizer Architekten, Künstler und Gestalter Max Bill, der Bauhaus-Schüler und späterer Gründungs-rektor der HfG war, ist er zugleich dessen architektonisches Hauptwerk. Seit 1979 ist die Gesamtanlage als ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung ausgewiesen.

Am 1. und 2. Oktober 1955 eingeweiht, ging der Realisierung des Projekts eine längere, 1950 beginnende Planungsphase voraus. Zur Ausführung kam ein vielgliederiger, dem Verlauf des Hangs angeschmiegter Gebäudekomplex, der aus fünf Trakten besteht. Um den Hochschul-Bau zu erfassen, muss man ihn umrunden. Denn es gibt weder eine Hauptansicht noch eine hierarchische Gliederung der einzelnen Teile.

Strenges Raster

Die Fassaden basieren auf einem Flächenraster mit dem Grundmaß von drei mal sechs Metern, das in der inneren Struktur als Raumraster („Raumzelle“) dreidimensional fortgeführt wird. Diese Zellen, in serieller Reihung aneinander gefügt, ergeben orthogonale Trakte von hoher Funktionalität und Flexibilität. 

Die Architektur ist streng, aber nicht monoton. Analog den Prinzipien der „Konkreten Kunst“ werden Vielfalt und Komplexität durch die Variation von wenigen Grundelementen erzeugt. Ein Thema, an dem sich das am Beispiel der HfG gut beobachten lässt, sind die Möglichkeiten der Ausfachung der Fassadenraster: durch Fensterflächen, durch Wandflächen, durch Fenster-Wandflächen oder auch gar nicht, was Leerflächen bedeutet. 

An mehreren Stellen weicht Bill überdies im Gebäudegrundriss vom strikten rechten Winkel ab. Am deutlichsten hervorgehoben und ablesbar ist dies in der zentralen Verbindungshalle („Säge“), wo sich so bewusst gesetzte spannungsvolle Verschränkungen ergeben.

Bezug zur Landschaft

Der außerhalb der bebauten Stadt liegende Komplex nimmt stark Bezug auf die umliegende Landschaft, sei es durch seine Anpassung an die Gelände-Topografie, sei es durch freie Übergänge von „Innen“ und „Außen“ in einigen Partien. Das wechselnde Spiel von Licht und Schatten, das sich auf den Innenwänden abzeichnet, erhöht die Lebendigkeit des Raumeindrucks auf sehr sinnliche Weise.

„Lichte Räume, die Terrassierung der Kuben und Quader und ihre undogmatische Verschwenkung den Hang hinab strahlten Schweizer Solidität und Pragmatismus aus“, schreibt der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt in seinem Standardwerk „Deutsche Architektur seit 1900“.

Konstitutiv für die Ästhetik der Architektur der HfG ist – verschränkt mit dem Postulat der Materialehrlichkeit – die konsequente Reduktion nicht nur der Formen, sondern auch der Materialien. Verwendet wurden im wesentlichen Sichtbeton, Naturholz und geschlämmter Backstein. Als Fußbodenbelag wurden gefärbte Asphaltplatten sowie – in zentralen Verkehrsflächen –Terrazzo verlegt. 

Die betongrauen Konstruktionsglieder, die den Rhythmus und die Struktur von Fassaden und Räumen ergeben, sind klar ablesbar. Die Holzverbundfenster sitzen bündig an der Außenhaut, die Dächer sind völlig flach.

Aus der Not eine Tugend

In der Wahl der Materialien war Bill nicht völlig frei, er musste sich vielmehr aufgrund des knappen Budgets nach den unverzichtbaren Materialspenden aus der Industrie richten. Als Alternative zur in Ortbeton ausgeführten Betonskelettbauweise, die wegen der Modernität des Materials Beton sehr gut ins Konzept passte, stand zeitweise auch eine Ausführung in Eisenskelett im Raum.

Bill hatte ursprünglich vor, die Holzrähmen der Fenster unbehandelt zu lassen, damit sich diese durch Nachdunkelung dem Grau des Betons annähern und so die Einheitlichkeit der Fassaden noch steigern. Den Sparzwang sah er keinesfalls als Handicap, wenn er dazu bemerkte: „Wir bauen die Hochschule mit einem Minimum an Aufwand. Wir können das, was wir nötig haben, nur dann realisieren, wenn wir alles Überflüssige weglassen und uns auf das Allernotwendigste beschränken.“

Programm wird Bau

Die Disziplin mündete in einen Bau-Purismus, mit dem ein völliger Verzicht auf repräsentative und mit Pathos aufgeladene Formen einherging. Der Komplex trägt unverkennbar einen Werkstatt-Charakter, womit er sich eindeutig den damals gültigen Baukonventionen widersetzte; er hob weder den Status einer Hochschule hervor noch war er elegant, gläsern, schwebend und leicht. Die materiellen Beschränkungen ergeben dafür wiederum keine hinreichende Erklärung, sondern dies war Programm. 

Bestimmend dabei war die Suche nach einer zeitgemäßen Bau-Ästhetik, die alles Bildlich-Metaphernhafte, Tradierte, Nostalgische ablegt, die überkommene Baukonventionen überwindet und all dieses durch die Ideale eines hohen Gebrauchswerts und der unbedingten Sachlichkeit ersetzt. 

Vergleichbar dem Bauhaus-Gebäude in Dessau ist das HfG-Gebäude ebenfalls als bauliches Manifest zu verstehen, in dem sich wiederum das programmatische Fundament der Schule materialisierte. 

Ablesen lässt sich darin eine Entwicklung, die der Design-Theoretiker Gert Selle anhand der Wirkung der HfG als „Schub struktureller Durchgestaltung des industriellen Alltags“ bezeichnet. Den warenästhetischen Exzessen und dem künstlichen Verschleiß dieser Waren durch rasch wechselnde Stilmoden entgegengestellt, war der Ulmer Funktionalismus zum einen Gradmesser für den Stand der Rationalisierung der industriell-technischen Kultur, zum andern ein frühes und klares Bekenntnis zum „Prinzip Verantwortung“.

Die Kargheit eines Klosters

Fand in zeitgenössischen Rezensionen über die HfG-Gebäude zwar der „Widerspruch zum größenwahnsinnigen und protzigen Stil des 20. Jahrhunderts“ durchaus Zustimmung, so taten sich viele Kritiker dennoch schwer, der Entschiedenheit der dahinter steckenden Idee Anerkennung zu zollen. Immer wieder wurde in Besprechungen mit mild-ironischem Unterton das Bild des „Klosters“ bemüht. Die Kargheit machte viele Zeitgenossen hilflos in jener Aufbruchszeit, die allmählich die Kriegszerstörungen hinter sich ließ und nach neuer Akzeptanz und neuen Zeichen eines wieder aufkeimenden Wohlstands dürstete. 

Als Institution war die HfG ein Solitär. Nirgendwo wurde in Theorie und Praxis in der jungen Bundesrepublik intensiver die Frage der Einheit von Zweckmäßigkeit und Schönheit aufgeworfen, um daraus einen zeitgemäßen gesellschaftlichen Begriff von Design abzuleiten.